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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Tal der Wölfe


Nathan
28.02.2006, 21:03
Mittlerweile sollte die Mehrheit doch mitbekommen haben, dass derzeit ein heftiger Streit um den türkischen Film "Tal der Wölfe" tobt. Zu charakterisieren wäre er wohl als billiger Actionfilm, der wahre Begebenheiten aus dem Irak-Krieg (Demütigung türkischer Soldaten durch GI's, Folter, Terrorismus...) mit erfundenen Szenen (jüdischer Arzt entnimmt gefallenen Irakern Organe um sie nach Tel-Aviv zu senden) zu einer fiktiven Handlung eines türkischen Geheimagenten, der Rache an seinem US-Gegenpart nimmt.

Leider habe ich den Film selber nicht gesehen, (und auch kein sonderlich großes Interesse daran) aber aus den verschiedenen Berichten ist folgendes zu entnehmen:
- es ist ein billiger Actionfilm in reisserischer Manier, so wie einige US-Produktionen.
-er spielt auf türkischen Nationalismus an und gewinnt seine türkischstämmigen Zuschauer wohl aus genau dieser Quelle, durch Befriedigung Pan-türkischer Gedankenspiele, Rachemoral und USA-Hass.

Besonders in die Kritik geraten ist er für einige Szenen. Volksverhetzend sei er und antisemitisch (Szene mit dem jüdischen Arzt) Aber auch die Reaktionen der türkischen Zuschauer, Ausdruck einer horrend nationalistischen Minderheit in Deutschland, sind beängstigend. Buh- und Jubelrufe, je nach Szene, und einigen Berichten zu Folge auch "Allah ist groß" Chöre beim Triumph des türkischen Geheimagenten.

Besonders interessieren würde mich hier die Meinung eventueller türkischstämmiger Mitglieder des Forums und jenem Teil des Forums, der den Film gesehen hat (falls er existiert). Sollte man den Film verbieten? Ist er gefährlich? Was haltet ihr von den Reaktionen?

Persönlich bin ich gegen eine Zensur. Nicht nur, weil der Film nach der bisherigen Einschätzung, die ich mir über Hörensagen bilden konnte, in der Machart nicht schlimmer ist, als manch anderer Actionfilm, vor allem, weil er dem übertriebenen türkischen Nationalismus (den ich selber bisweilen beobachten konnte, bei meinem Engagement für die Anerkennung des Genozids an den Armeniern) keinen Abbruch tut. Wichtig ist viel mehr, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen und aktiv in eine Diskussion einzusteigen, wann immer sich die Möglichkeit dazu bietet. Es muss klar aufgezeigt werden, dass man den Film nicht als Reportage missverstehen darf und dass die US-Amerikaner nicht pauschal schlecht und Türken nicht pauschal gut sind. Es ist eine Sache seine eigene Meinung zu haben, seine eigenen Argumente aber nicht ;)
Ich hoffe wir können hierüber mal in eine Diskussion kommen, das Thema bietet ja viele Nuancen und Abzweigungen in andere Themenbereiche.

Holo
28.02.2006, 21:19
Öhm..meine Meinung auf den Punkt gebracht:
Wieso verbieten?
Es gibt X Millionen patriotischer Filme, in denen US-Marines in Russland, Deutschland, Vietnam etc. die "bösen Gegner" massakrieren...und jene werden allgemein akzeptiert.
Dementsprechend habe ich auch nichts gegen derartige Filme der anderen Seite.

Ich bin übrigens positiv überrascht, dass zumindest alle mir bekannten Kinos den Film auch ausstrahlen. :)

WilderDudelSack
01.03.2006, 01:38
hab den film ebenfalls ned gesehen, was natürlich die diskussion allgemein erschwert ( ich frag mich ob den überhaupt wen gesehen hat hier )

Es gibt X Millionen patriotischer Filme, in denen US-Marines in Russland, Deutschland, Vietnam etc. die "bösen Gegner" massakrieren...und jene werden allgemein akzeptiert.
Dementsprechend habe ich auch nichts gegen derartige Filme der anderen Seite.

"die bösen gegner" treten dort allerdings eher in form normaler soldaten, die als kugelfang herhalten müssen für den helden, als in form einer dr. mengele kopie auf. das ist sehr wohl nochmal ein unterschied. die darstellungen sind meines erachtens ned dieselben. oder sag mir bitte mal n film wo so eine darstellung vorkommt, und wo die amis dann im kino noch entsprechend reagieren wie die türken beim tal der wölfe...

würden die amis n film drehen, wo die türken als böse buhmänner vorkommen ( im sinne von wirklich üblen sachen wie eben z.B. dr.mengele anspielung ) dann wäre der aufschrei wohl sehr sehr viel grösser, jeder würde sagen quasi "die amis denken in klischees, sowas darf man ned tun" usw. :> nur dank dem heutzutage gängigen anti-amerikanismus in vielen gesellschaftsbereichen kommt tal der wölfe einigermassen ungeschoren davon, meines erachtens...

ich denke aber, ne diskussion hier wird schwierig, da kaum einer den film gesehen haben wird und es somit schwer ist, explizit auf szenen usw. einzugehen.

Wolfhound
01.03.2006, 14:20
Ich hab eigentlich nichts gegen diesen film und ich denke, die Leute die rufen "Allah ist groß" sind nichts als Störenfriede. Allerdings finde ich das, dass die kinos diesen Film ausstrahlen nicht etwa ungewähnlich oder so, sondern sehr natürlich, welches Kino verzichtet schon gerne auf einnahmen. Ich denke das der größte Teil der Kinos, einen "Anti-Türkischen" film, der USA genauso anbieten würde, wenn er nicht indiziert wird.

Chaplin
01.03.2006, 15:32
Genauso wie den sogenannten Streit um Mohammed - Karikaturen (oder die Sache mit dem Auschwitz-Museum) finde ich das ganze Verhalten um den Film herum schlichtweg lächerlich. Wir haben die Meinungsfreiheit, sie wird genutzt. Ende. Wo ist das Problem?
Soll ich mich jetzt bitteschön darüber aufregen, dass anscheinend unterbemittelte Produzenten mit gewissen Einstellungen und Denkweisen spielen, damit sie ihr Budget wieder 'reinbekommen? Kann ich etwas anderes als über Leute lachen, die meinen nach einem Film an ihren Gott appelieren zu müssen? Die bei bestimmten Szenen klatschen und gröhlen, weil sie anscheinend nichts anderes im Leben erfreuen kann und sie sich somit der Fiktion hingeben müssen?
Und ich dachte schon diese Sorte Mensch wendet sich an die MMORPGs.

Ich brauche den Film nicht zu sehen, nachher zerstört er noch das Bild, was zitternde Politiker und sonstige 'Rechtsvertreter' mir bescheinigen wollen : D

Sparkfist
01.03.2006, 16:07
Kann ich etwas anderes als über Leute lachen, die meinen nach einem Film an ihren Gott appelieren zu müssen? Die bei bestimmten Szenen klatschen und gröhlen, weil sie anscheinend nichts anderes im Leben erfreuen kann und sie sich somit der Fiktion hingeben müssen?
Und ich dachte schon diese Sorte Mensch wendet sich an die MMORPGs.
Deine Einstellung kann ich zwar verstehen, aber diese Ausführungen weniger. Wenn sich jemand lautstark im Kino amüsiert, dann ist das doch kein Zeichen dafür, dass er nichts anderes in seinem Leben hat, als die Fiktion. Wir lachen auch über Komödien, hin und wieder sogar, obwohl das Gezeigte höchst unrealistisch ist bzw. unwahrscheinlich ist. Sind wir nun alle weltfremd und Flüchtlinge vor der Realität?

Gefühlsausbrüche beim Zuschauer sind das Ziel vieler Filme. Wer im Kino weint, der gilt noch lange nicht als anormal oder so...
Dieser Film zielt eben auf etwas anderes ab. Und sein Ziel scheint er zu erreichen. Man muss sich nicht wundern, dass es die Zuschauer, die sich davon angesprochen fühlen, so sehr bewegt, denke ich. Aber genau dort liegt meiner Meinung nach auch die Gefahr. Im dritten Reich wurde auch mit Hilfe von Filmen manipuliert und angestachelt. Dieser Film zielt anscheinend darauf ab Zorn zu wecken und stellt Gewalt als Lösung dar, wenn man der Presse glauben darf.

Es stimmt zwar, dass dieses Programm auch unter Meinungsfreiheit laufen sollte, aber guten Geschmack kann man damit nicht täuschen. Gerade jetzt ist solch ein Film politischer und gesellschaftlicher Sprengstoff... oder etwa nicht?

EDIT: Ich möchte hinzufügen, dass ich dem Film nur negativ gegenüberstehe, weil er das Potential besitzen könnte einen Konflikt anzufachen, anstatt Probleme zu klären oder dazu beizutragen. Was man mit diesem Film anfängt, wie man ihn versteht, das ist die wichtige Frage.

Chaplin
01.03.2006, 17:13
Der Verweis auf MMORPGs sollte eigentlich den triefenden Sarkasmus in einen Sturzbach verwandeln ; ) Ist nicht alles soo ernst gemeint, ich nehme es ziemlich locker.
Natürlich lacht man über Komödien, aber der Film ist keine. Ich bezog mich eher auf das, in meinen Augen, sehr verfremdete Realitätsbild, wenn man in ein Kino gehen muss, um bei bestimmten Szenen eines Actionfilm, der gewisse, angesprochene, Klischees bedient, loszulachen. Ich weiß ja selber nicht, wie der Film ausschaut, aber ich glaube kaum, dass die Leute über besonders gelungene Pointen lachen.
Was hinzuzufügen sei, nicht überall sind die Reaktionen gleich. In Duisburg ging es sehr gesittet zu, man verließ das Kino so ruhig, wie man auch während des Films war.

Des Weiteren halte ich den Film nicht für einen sonderlich gefährlichen Zündstoff, vielleicht sollte er einen darstellen aber augenscheinlich vergaß man, dass wir hier in Deutschland keine Volksaufhetzer auf den Märkten haben : D

Sparkfist
01.03.2006, 17:49
Ich würde an dieser Stelle eher global denken.

Na ja, allein die Diskussion die jetzt darum geführt wird zeigt schon, dass die Menschen das ernstnehmen. Ist ja auch gut so. Aber der Hass auf die westliche Welt ist ja recht offensichtlich geworden und hat mit dem 11. September 2001 eine ganz andere Bedeutung gewonnen. Ich denke, dass es sein könnte, dass für viele das Geschehen über die vielen Jahre nicht überschaubar bleibt und daher der Eindruck entsteht, die Lage sei viel entspannter, als sie eigentlich ist. Das könnte man jetzt sicher als übertrieben werten, aber wer weiß, was in 100 Jahren in den Geschichtsbüchern steht und welche Bedeutung der heutigen Zeit bei den Geschehnissen, welche auch immer es sein mögen, zugeschrieben wird.

Im Großen erscheinen manche Ereignisse wie Tropfen auf dem heißen Stein. Die tatsächliche Bedeutung muss nicht immer offensichtlich sein und einem auf der Titelseite der Bild-Zeitung ins Gesicht springen. Sonst hätte man ja auch den Angriff auf das WTC und andere Gebäude verhindert.

Dieser Film hat eine Ursache und ein Ziel.

Chaplin
01.03.2006, 21:58
Och, der Hass gegen den Westen ist in meinem Augen eher der Hass gegen WannaBe-Kolonialmacht Amerika (und natürlich Länder, die meinen davor kuschen zu müssen) : ) Dass es eine Frage der Zeit ist, bis man irgendwann mal einen 'reingewürgt bekommt, steht ja wohl nicht zur Debatte. Wir können ja mal Opfervergleich spielen, Amerikas World Domination Tour (zzgl. eigener Verluste) vs. 11. September aber das wäre schon wieder zu makaber.

Nebenbei, man hört nur, dass Menschen hier in Deutschland anscheinend die Presse- und Medienfreiheit so drehen wollen, wie es gerade passt. Karikaturen - pff, schert uns nicht. Pöhser anti-amerikanischer Film mit antisemitischen Zügen - ganz schnell verbieten. Im Endeffekt macht man sicher selber lächerlich und zeigt wie wenig man selber mit der Pressefreiheit klarkommt, wenn sie zum Beispiel ein Ziel hat, welches uns empfindlich trifft.

Im Weiteren halte ich die Gewichtung dieses Films für sehr, sehr bescheiden. Man versucht zwar an allen Ecken und Enden aufzubauschen, und schießt sich hier in Deutschland das ein oder andere Eigentor damit aber im Eigentlichen bleibt das Ding ein Film, wo sich die Geschmäcker scheiden. Die Passion Christi hat jetzt auch keinen Kreuzzug ausgelöst.